Hektors Kolumne: Stillstand ist Fortschritt

tm1113_hektor_01Kaum lässt sich die Sonne wieder länger blicken und im Kalender stehen ein paar Feiertage, kommt auch ein alter Bekannter ins Bild: der Stau. Wen es erwischt hat, macht sich schon mal Gedanken darüber, warum denn alles wieder im Stillstand verharrt. Schon wieder ein Unfall? Baustelle? Spaziergänger auf der Fahrbahn? Oder mal wieder ein Verkehrserzieher, der sich nicht traut, den Lkw in der Baustelle zu überholen, aber trotzdem eisern links fährt? Wir werden es nie herausbekommen, also versuchen wir doch mit philosophischem Gleichmut das Beste draus zu machen.

So ein Stau hat ja durchaus was Beruhigendes. Endlich Zeit fürs Frühstück, die Tageszeitung und die neuesten Mails, der nörgelnde Nachwuchs kann bespaßt und das längst fällige Aufräumen begonnen werden.

Alles erledigt und immer noch am gleichen Ort? Dann genießen Sie doch mal die ungewohnte Perspektive auf die Strecke, wo normalerweise vorbeigerast wird. Baustellen bekommen einen völlig neuen Reiz,  der Baufortschritt kann live verfolgt werden, wobei die Bewegungsabläufe der dort Tätigen durchaus geeignet sind, die eigene Gelassenheit zu verstärken. Die vielfältige Botanik in Mittelstreifen, Betonritzen und Randstreifen ist  für Vierbeiner höchst spannend, wirft aber Fragen bei den Zweibeinern auf: Wie kann es sein, dass es hier grünt und blüht, während im Garten alles sofort eingeht? Lohnend auch der Blick in die anderen Autos: Da sind sie alle wieder, der gestresste Lückenspringer von vorhin, der wichtige Handytalker, der Staucholeriker, der jedem Dirigenten Konkurrenz macht – und, hey, die süße Bulldogge im Cabrio mit Frauchen. Die Zweifel, ob man am besten gar nicht los gefahren wäre und wenn, dann nicht hier lang und wenn schon hier lang, dann doch bitte viel früher oder erheblich später, sind obsolet, vergessen sind verdrängte Wut, tobender Chef, verpasster Termin und der Wunsch, alle anderen Autofahrer zur Hölle zu schicken.

Auch wenn man nicht einen Meter voran kommt, so kann man doch zumindest geistig an Boden gewinnen. Das Gefängnis des eigenen Autos verlassen und mit den vermeintlichen Konkurrenten ins Gespräch kommen. Ich sehe mich schon kurz vor dem verhassten Nadelöhr Elbtunnel bei völligem Stillstand rausspringen, zu besagtem Cabrio rüber wackeln und bellen: „Na… auch hier, altes Haus? Da haben wir ja was gemeinsam.“


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