Aus Frust zum Geisterfahrer

tm1313_geisterfahrer_stuhr_alkohol_03Horror-Crash auf der A1, ausgelöst durch einen völlig alkoholisierten Lkw-Fahrer: Zwei Tote, mehrere Verletzte – das ist die Bilanz eines grauenvollen Unfalls am Neujahrsabend bei Stuhr

Ein lettischer Lkw-Fahrer, der mit mindestens 2,3 Promille hinter dem Lenkrad saß, benutzte eine Ausfahrt als Auffahrt und wurde so zum Geisterfahrer. Als der 47-jährige seinen Fehler bemerkte, versuchte er, auf der dreispurigen Autobahn den Truck zu wenden. Die Folge war ein verheerender Massenunfall mit neun beteiligten Autos. Noch nicht genug. Am Ende flüchtete der betrunkene Lkw-Fahrer, Polizeibeamte konnten ihn jedoch 25 Kilometer weiter stellen.

Auffälligkeiten nach Wochenenden

In der Beitragsreihe „Die Unfallakte“ analysierte das VOX Magazin „auto mobil“ den schweren Geisterfahrer-Unfall (Sonntag, 16.06.2013, 17.00 Uhr – 18.15 Uhr) mit Hilfe einer aufwendigen 3-D-Animation. VOX geht dabei der Frage nach, ob osteuropäische Lkw-Fahrer aufgrund ihres Trinkverhaltens ein besonderes Sicherheitsrisiko darstellen. „Es gibt Auffälligkeiten von Osteuropäern, die vor allem dann auftreten, wenn Lkw mehrere Tage an einem Rasthof gestanden haben und Sonntagsabends wieder auf die Autobahn gehen“, sagt dazu Polizeihauptkommissar Knut Nagel von der Autobahnpolizei im niedersächsischen Sittensen. „Immer wieder stellen wir fest, dass Fahrer dann aus Langeweile trinken und sich hinterher alkoholisiert hinters Lenkrad setzen“.

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Hartes Urteil gegen Lkw-Fahrer

Unglaublich, aber tatsächlich war dies auch die Ausgangssituation für den Unfall auf der A1. Der lettische Fahrer war mit Tiefkühlfracht auf dem Rückweg von England. Samstags und sonntags galt das gesetzliche Fahrverbot, Silvester-Montag und Neujahr ebenfalls. Der Fahrer saß also vier Tage lang fest und war frustriert. Dies jedenfalls räumte er auch beim Prozess vor dem Amtsgericht in Syke ein, dass ihn vor wenigen Tagen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilte. Außerdem verhängte das Gericht gegen ihn ein lebenslanges Fahrverbot auf deutschen Straßen! Grundsätzlich, so ein Gutachter,  ist es sogar möglich, dass der Lkw-Fahrer zum Zeitpunkt des Unfalls 2,8 Promille im Blut hatte!

Polizei bestätigt hohe Dunkelziffer

Woher aber haben die Fahrer den Alkohol? Entweder bringen sie ihn von zuhause mit oder decken sich an den Supermärkten in der Nähe von Autohöfen damit ein. „Noch vor zehn Jahren haben wir 80 Prozent alkoholische Getränke verkauft und 20 Prozent alkoholfreie Getränke. Heute ist es genau umgekehrt“, berichtet Bernhard Kreutzmann vom Autohof „Oldenburger Münsterland“ in dem TV-Beitrag über das generelle Tinkverhalten von Lkw-Fahrern. Allerdings: „Wir hatten hier aber auch schon Osteuropäer, die von dem Fünf-Euro-Gutschein für die Benutzung des Parkplatzes Wodka kaufen wollten“. Ist Alkohol am Steuer ein besonderes Problem unter osteuropäischen Fahrern? „Die Dunkelziffer ist hoch“, so Polizeihauptkommissar Knut Nagel. Bei VOX spricht er von rund zehn völlig alkoholisierten Lkw-Fahrern, die jährlich auf der A1 aufgegriffen werden. „Wenn wir sie anhalten und zapfen, bewegen sich die Blutalkoholwerte meistens zwischen zwei und drei Promille. Vor allem der Genuss harter Getränke fällt auf“.

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Folgen werden nicht realisiert

„Ursache ist die Trinkkultur. Folge ist, dass bereits wenige Schluck genügen, um nicht mehr fahren zu dürfen“, beschreibt Dr. Christian Monschau, Psychologe für Fahreignung bei der Dekra in Vechta. Wie aber kann man sich so extrem alkoholisiert hinters Lenkrad setzen? Monschau: „Wer so viel Wodka getrunken hat, der realisiert gar nichts mehr. Weder seinen eigenen Zustand, noch welche Folgen der Alkohol haben kann“. Spätestens aber die Feststellung, als Geisterfahrer unterwegs zu sein bzw. der Moment der Kollision mit den Autos, dürfte den lettischen Lkw-Fahrer nach dem Unfall wachgerüttelt haben. „Da dürfte in seinem Blut mehr Adrenalin als Alkohol gewesen sein“, meint der Gutachter für Fahreignung. Dies ist für Monschau auch eine plausible Erklärung, weshalb der volltrunkene Lette nach dem Unfall auch noch flüchtete.

Angehörige können es nicht begreifen

In dem Fernsehbeitrag geht VOX auf Spurensuche. Nach dem Unfall hatte Abschlepp-Unternehmer Günther Bormann aus Bremen den Kühlzug aus Lettland sichergestellt. Die Kabine des Actros roch noch auffällig nach Alkohol. „Ich habe eine leere Flasche Wodka gefunden, eine andere war noch halb voll“, berichtet Bormann. Interviewt wurden für den achtminütigen TV-Beitrag auch Einsatzleiter Eric Hormann von der Feuerwehr in Harpstedt und Helmut Brack, der als Bruder und Schwager des getöteten Ehepaares das Geschehene einfach nicht begreifen kann: „Wie kann man sich nur volltrunken hinter das Lenkrad eines Lkw setzen, wenn man weiß, dass man noch hunderte Kilometer zu fahren hat?“ 

Text und Fotos: Norbert Böwing/Unfallakte/VOX, Florian Kater

 

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